Die Strafbarkeit der einvernehmlichen sexuellen Handlungen des Arztes sollte immer dazu führen, dass entsprechende Vorkehrungen in den Arztpraxen getroffen werden. Strafverteidiger, Sexueller Missbrauch, MeToo, Psychotherapeuten, Heilpraktiker, Medizinstrafrecht, Arztstrafrecht, Ärzte, Ermittlungsverfahren, Berlin
Rechtsanwalt Ulrich Dost-Roxin

Der Umgang des Strafrechts mit einvernehmlichen sexuellen Handlungen des Arztes

Einer Strafbarkeit des Arztes wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses nach § 174c Abs. 1 StGB steht allein das Einvernehmen des Opfers mit der vom Täter vorgenommenen sexuellen Handlung nicht entgegen. Die einvernehmlichen sexuellen Handlungen des Arztes im Rahmen des Behandlungsverhältnisses sind strafbar. Der Arzt steht also mit einem Bein im Gefängnis. So restriktiv betrachtet das die einhellige Rechtsprechung der Gerichte seit Jahren. Gesetzgeber und Rechtsprechung wollen damit den Patienten schützen, der sich ohne wenn und aber jeder Zeit vertrauensvoll an den Arzt wenden können soll. Dabei soll die Gefahr der möglichen Ausnutzung der Stellung eines Arztes (Autorität, Vertrauen) zu Sex mit seinen Patienten verringert werden. Ich meine allerdings: der Gesetzgeber hält Ärzte und Therapeuten für besonders übergriffig, was sexuelles Denken und Handeln betrifft. Woher der Gesetzgeber das aber nehmen will, erschließt sich nicht ohne weiteres.

Autoritäts- oder Vertrauensstellung bei einvernehmlichen sexuellen Handlungen des Arztes

Und in Ausnahmefällen ist es dann doch kein sexueller Missbrauch, wenn es zwischen dem Arzt und der Patientin zu einvernehmlichen sexuellen Handlungen kommt. An einem Missbrauch im Sinne § 174c Abs. 1 StGB fehlt es ausnahmsweise dann, wenn der Täter im konkreten Fall nicht eine aufgrund des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses bestehende Autoritäts- oder Vertrauensstellung gegenüber dem Opfer zur Vornahme der sexuellen Handlung ausnutzt. So die Rechtsprechung zu den Ausnahmefällen:

„Auch der von § 174c StGB jedenfalls vorrangig bezweckte Schutz der Selbstbestimmung des Opfers steht bei dessen Einvernehmen mit der sexuellen Handlung der Strafbarkeit des Täters nicht von vorneherein entgegen. Denn der Gesetzgeber hat in den §§ 174 ff. StGB gerade nicht eine allein gegen den Willen oder ohne Einverständnis des Opfers an ihm vorgenommene sexuelle Handlung unter Strafe gestellt, sondern hat hierbei auf – im Wesentlichen äußere – Umstände abgestellt, bei deren Vorliegen er ersichtlich davon ausging, es liege selbst bei einer Zustimmung des Opfers keine selbstbestimmte und autonome Entscheidung, sondern ein strafwürdiges und strafbares Verhalten des Täters vor (vgl. BT-Drucks. VI/3521 S. 18 f.; Fischer, ZStW 112 [2000], S. 75, 90 f.). Auch bei § 174c StGB kam es dem Gesetzgeber dementsprechend darauf an, sexuelle Kontakte in Beratungs-, Behandlungs- und Betreuungsverhältnissen als missbräuchlich auszuschließen, weil er die freie Selbstbestimmung in dem maßgeblich vom Täter beeinflussten Vertrauens- und Abhängigkeitsverhältnis des Kranken oder Behinderten und seiner sich daraus ergebenden Schutz- und Hilfsbedürftigkeit generell als beeinträchtigt ansah. Faktisch liegt nach dem Willen des konservativen Gesetzgebers in den meisten Fällen ein sexueller Missbrauch durch den Arzt am Patienten vor. Es sei denn, es liegen Ausnahmeumstände vor.“

Die dürftigen Umstände für strafbefreiten Sex der Mediziner

Solche besonderen Umstände können etwa vorliegen bei einvernehmlichen sexuellen Handlungen des Ehepartners oder Lebensgefährten während eines Betreuungsverhältnisses oder bei einer von dem Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnis unabhängigen „Liebesbeziehung“ und in deren Folge nur gelegentlich der Behandlung oder nach deren Abschluss vorgenommenen sexuellen Handlung (vgl. BT-Drucks. VI/3521 S. 22 [zu § 174 StGB]; BGH, Beschluss vom 25. Februar 1999 – 4 StR 23/99, NStZ 1999, 349 [zu § 174a StGB]; Renzikowski aaO § 174c Rn. 28; Perron/Eisele aaO § 174c Rn. 6; Lackner/Kühl aaO § 174c Rn. 5; Bungart aaO S. 222; dazu aber auch BT-Drucks. VI/3521 S. 26; OLG Karlsruhe aaO). Hat der Täter dagegen beispielsweise vorgegeben, die sexuelle Handlung sei medizinisch notwendig oder Teil der Therapie (OLG Karlsruhe aaO; Hörnle aaO § 174c Rn. 23; Fischer aaO § 174c Rn. 10a; Wolters aaO § 174c Rn. 8; Renzikowski aaO § 174c Rn. 25, 28) bzw. hat er gar behandlungsbezogene Nachteile beim Zurückweisen seines Ansinnens in den Raum gestellt (Wolters aaO § 174c Rn. 8; Hörnle aaO § 174c Rn. 23) oder hat er eine schutzlose Lage des Opfers – etwa die einer auf seine Aufforderung hin unnötig vollständig entkleideten Frau – zur Vornahme der sexuellen Handlung ausgenutzt (vgl. Hörnle aaO § 174c Rn. 23), so liegt ein Missbrauch im Sinne des § 174c Abs. 1 StGB auch dann vor, wenn das Opfer mit dem Sexualkontakt einverstanden war.

Weitere Informationen

Einen einführenden Artikel zum Thema des Medizin- und Arztstrafrechts finden Sie hier. Weiterführende Informationen zu den Anforderungen an die Strafverteidiger im Medizin- und Arztstrafrecht finden Sie auf den folgenden Seiten. Ärzte können sich durch vielseitige Taten strafbar machen. Die wichtigsten Tatbestände sind daher auf den folgenden Unterseiten näher erläutert. Artikel zur Strafbarkeit der Tötung auf Verlangen, der Anstiftung und Beihilfe zum Suizid, zum Totschlag, zum Totschlag durch Unterlassen und zum sog. „Ärztepfusch“ finden Sie auf den folgenden Unterseiten.

Auch Fälle von Sexuellem Missbrauch unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses sind im Medizinstrafrecht geregelt.

Als Sonderdelikte werden außerdem das Strafverfahren gegen Ärzte wegen Abrechnungsbetrug und die Fehlende Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht und die Offenbarung von Privatgeheimnissen besprochen.