Eigene Analyse von Big Data Beweismitteln

Wirtschafts- und Cyberstrafverfahren erzeugen heute enorme Datenmengen. Ermittlungsakten enthalten E-Mails, Chats, Kontobewegungen, Telefonverbindungen, Dokumente, Bilder und Standortdaten. Eine klassische Lektüre von Seite eins bis zur letzten Seite stößt dabei schnell an Grenzen. Die Big Data Analyse im Strafverfahren hilft, große digitale Beweisbestände strukturiert zu untersuchen.
Für die Verteidigung geht es dabei vor allem um eines: die Ermittlungsergebnisse unabhängig zu überprüfen.
Was bedeutet Big Data im Strafverfahren?
Big Data bezeichnet hier keinen bestimmten technischen Standard. Gemeint sind große und komplexe Datenbestände, die sich manuell kaum vollständig auswerten lassen. In Wirtschaftsstrafverfahren können beispielsweise Millionen Datensätze aus verschiedenen Quellen zusammenkommen. Dazu gehören:
- E-Mails und Dokumente,
- Messenger-Kommunikation,
- Konten und Zahlungsströme,
- Telefon- und Verbindungsdaten,
- Smartphone-Daten,
- Unternehmensdatenbanken,
- Fotos und Metadaten.
Analyseprogramme können diese Daten durchsuchen, filtern und miteinander verknüpfen.
Warum braucht die Verteidigung eine eigene Datenanalyse?
Die Staatsanwaltschaft beantwortet mit ihrer Auswertung ihre eigenen Ermittlungsfragen. Sie sucht beispielsweise nach bestimmten Personen, Zahlungen, Begriffen oder Kommunikationsverbindungen. Daraus entsteht eine Auswahl vermeintlich relevanter Informationen. Diese Auswahl muss die Verteidigung nicht übernehmen.
Ich kann denselben Datenbestand unter anderen Fragestellungen untersuchen. Dabei können sich entlastende Zusammenhänge zeigen, die eine rein belastungsorientierte Suche nicht erfasst. Gerade bei großen Datenmengen ist deshalb die Frage wichtig: Welche Daten wurden nicht berücksichtigt?
Akteneinsicht bildet die Grundlage
§ 147 StPO gibt dem Verteidiger das Recht auf Akteneinsicht und auf Besichtigung amtlich verwahrter Beweisstücke. § 32 und § 32f StPO regeln inzwischen die elektronische Aktenführung und die digitale Akteneinsicht. Das schafft bessere Voraussetzungen für eine strukturierte Auswertung. Allerdings enthält die elektronische Strafakte nicht immer sämtliche Ausgangsdaten in unmittelbar analysierbarer Form. Deshalb muss die Verteidigung prüfen, welche Daten der polizeilichen Auswertung tatsächlich zugrunde liegen.
Bundesverfassungsgericht: Große Datenbestände sind besonders aussagekräftig
Das Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 24. Juni 2025 (1 BvR 180/23), hat die Bedeutung großer Datenbestände ausdrücklich hervorgehoben. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung schützt nicht nur einzelne Informationen. Es erfasst auch den Zugriff auf große und dadurch typischerweise besonders aussagekräftige Datenmengen. Denn erst die Kombination vieler Einzeldaten kann ein umfassendes Bild einer Person erzeugen.
Diese Aussage betrifft unmittelbar die heutige Realität digitaler Strafverfahren.
BGH: Nicht nur das Analyseergebnis zählt
Der BGH, Beschluss vom 15. Juli 2025 (2 StR 644/24), befasste sich mit umfangreichen digitalen Kommunikationsdaten. Das Tatgericht hatte Authentizität und Integrität des Datenmaterials eingehend geprüft. Der BGH hielt diese Prüfung ausdrücklich fest. Zugleich beanstandete er die prozessuale Behandlung einer polizeilichen Zusammenfassung von Chatdaten. Diese beruhte teilweise auf Angaben eines Übersetzers. Die Entscheidung zeigt: Eine Zusammenfassung ersetzt nicht automatisch die zugrunde liegenden Daten.
Wie funktioniert Big Data Analyse in der Verteidigung?
Je nach Verfahren untersuche ich insbesondere:
- Personen und Kommunikationsbeziehungen,
- zeitliche Abläufe,
- Zahlungsströme,
- wiederkehrende Begriffe,
- Verbindungen zwischen Dokumenten,
- Widersprüche in verschiedenen Datenquellen,
- fehlende Zeiträume oder Dokumente,
- entlastende Informationen.
Suchprogramme, Tabellen, Datenbanken und Visualisierungen können dabei helfen. Auch KI kann große Dokumentmengen vorsortieren. Die abschließende Bewertung darf jedoch kein Algorithmus übernehmen. Jede entscheidende Feststellung muss sich am Originalmaterial überprüfen lassen. Bei komplexen Datenbeständen arbeite ich bei Bedarf mit ausgewählten IT- und Datenanalysten zusammen.
Die Big Data Analyse im Strafverfahren soll deshalb nicht möglichst viele Daten produzieren. Sie soll die entscheidenden Informationen sichtbar machen.
Rechtsanwalt Oliver Marson
Fachanwalt für Strafrecht in Berlin
Persönliche Strafverteidigung in komplexen Wirtschafts- und Cyberstrafverfahren