Beweismittelanalyse im Strafprozess – vom Analogen zum Digitalen

In Zeiten von digitalen Massendaten, die als potenzielle Beweismittel in Strafverfahren eingeführt und mit Mitteln digitaler Forensik und computergestützter Analyse verarbeitet und präsentiert werden, wird die Erhebung von Beweisen zunehmend zur systematischen digitalen Verarbeitung von beweisrelevanten Informationen. Moderne Beweiserhebung als digitale Informationsverarbeitung kann deshalb nicht nur als juristischer Vorgang verstanden werden, sondern ist in seiner substanziellen Seite gleichzeitig als digitale Daten- und Informationsanalyse zu begreifen.

War es den beteiligten Juristen am Strafverfahren im analogen Zeitalter mit vergleichsweise geringeren Umfängen an Beweismittelinformationen grundsätzlich möglich, im Wesentlichen gestützt auf manuelles Aktenstudium den relevanten Inhalt dieser Informationen in Anwendung methodischen Wissens juristischer Fallbearbeitung (Subsumption) auszuwerten und fallbezogen zu bewerten, erfordert die Verarbeitung (massenhafter) digitaler Beweismittel zum einen den Einsatz von Hard- und Software und zum anderen ein gewisses analytisch-methodisches Grundwissen bei der Aufbereitung, Analyse und Präsentation digitaler Spuren im Beweisverfahren. Für die Cyber-Strafverteidigung ist es deshalb unausweichlich, die Kompetenzen auf den nachstehend umrissenen Gebieten zu erwerben, um eine kritische Überprüfung der von der Anklage eingebrachten digitalen Beweise durchführen zu können und für eigenständige Auswertungen digitaler Spuren die notwendigen analytischen Fähigkeiten und Ressourcen einsetzen zu können.

Notwendigkeit eines analytischen Ansatzes

Häufig wird bei der Auswertung von digitalen Beweismitteln selbst in komplexen Umfangsverfahren in pragmatischer Weise nach bestimmten Stichworten (Namen, Telefonnummern, Begriffe wie „Waffe“) gesucht, in der Hoffnung auf diesem Wege möglicherweise vorhandene Informationen, mit denen Beweisbehauptungen bestätigt oder widerlegt werden können, zu finden. Und natürlich führt diese Methode, die Analysten „quick and dirty“ nennen, auch oft zu ersten Erfolgen. Eine systematische und zuverlässige Auswertung und Analyse erfordert allerdings ein Herangehen, das der Methodik empirischer Sozialwissenschaft entlehnt ist und einige methodische Prinzipien beachtet sowie Vorüberlegungen anstellt.

Analytische Fragen: Ausgangspunkt jeder analytischen Auswertung müssen die soweit zum jeweiligen Zeitpunkt zu erkennenden Fragestellungen sein, die sich aus dem Anklagevorwurf (oder auch Beschuldigung in Haftbefehlen etc.) oder später modifiziert in der Hauptverhandlung ergeben, d.h. die Anklagetheorie, wie sie in der Anklageschrift zwar gegliedert aber insgesamt als relativ unstrukturiertes Narrativ formuliert wird, ist nach gewissen Gesichtspunkten zu operationalisieren.

Operationelles Modell: Diese Operationalisierung erlaubt es, diskrete Sachverhalte in ihrem Zusammenhang konkret zu bezeichnen. In der Regel bietet sich hier die Strukturierung des Handlungsgeschehens vor dem Hintergrund der tatbestandlichen Beschreibung nach z.B. Akteuren, Orten, Zeiten, Modus Operandi und Inhalt relevanter Aktivitäten in chronologischer Reihenfolge an. Erst im Ergebnis dieser Operationalisierung ist es möglich, eine strukturierte und zielgerichtete Auswertung von (digitalen und digitalisierten) Massendaten zu beginnen.

Auswahl der potenziellen Beweisinformationen

Nach der Methode „Aktenstudium“ werden oftmals Akteninhalte in chronologischer Weise gelesen und dann (oder anhand von Inhaltsverzeichnissen) vorstrukturiert, z.B. alle Vernehmungen in Tabellen erfasst und dann geschlossen ausgewertet. Zukünftig sollte es mit dem eAkten-System möglich sein, diese Kategorisierung von Akteninhalten für die effektivere Auswertung einfacher vorzunehmen.

Bei digitalen Daten, zumal im Big-Data-Umfang werden Methoden und Software-Tools (auch von Juristen ohne große Anlaufschwierigkeiten zu beherrschen) aus dem eDiscovery-Bereich eingesetzt (Nuix, Intella, Relativity, Ringtail …), die eine weitgehend automatisierte Vorstrukturierung von Daten erlauben und damit eine gezielte Datenanalyse ermöglichen.

Computergestützte Analyse

Nachdem die Fragestellungen klar und die Übersicht über die verfügbaren Kategorien von Daten vorhanden ist, kann mit der eigentlichen Analyse begonnen werden. Es ist hier nicht der Raum, die Komplexität möglicher Analyseformen vorzustellen. Beispielhaft soll auf folgende Analysen von digitalen Spuren hingewiesen werden.

Im Zentrum der meisten Strafverfahren stehen Zeugenaussagen, die mittels computergestützter Inhaltsanalyse (z.B. mittels QDA Miner oder Atlas.ti) systematisch auf Konsistenz überprüft werden können. Eine solche Auswertung ist selbst unter den zeitlichen Zwängen von Zeugenvernehmungen während der Hauptverhandlung hoch effektiv, da das gesamte Datenmaterial und insbesondere die vorher ausgewerteten und entsprechend des operationellen Modells der Anklageschrift kodierten Zeugenaussagen im unmittelbaren Zugriff der Strafverteidigung stehen und für Vorhalte genutzt werden können.

Dokumentenauswertungen sind in ähnlicher Weise effektiv vorzunehmen, wobei ein besonderer Vorteil gegenüber dem manuellen Studium und Randnotizen darin besteht, dass auch mit größerem zeitlichen Abstand zu einer ersten Analyse die Daten nicht erinnert werden müssen, sondern als „Codings“ und „Notizen“ weiter vorhanden sind und aufgerufen werden können.

Spezielle Analysen betreffen komplexe Auswertungen von Smartphones, Funkzellenanalysen, TKÜ-Auswertungen, Soziale Netzwerkanalysen oder auch Open Source Analysen. Für die Analyse derartiger Datenbereiche sind in der Regel Spezialwissen und besondere Software-Tools notwendig. Die Anwendung dieser Tools ist auch für Cyber-Strafverteidiger möglich, jedoch erfordert ein effektiver Einsatz eine gewisse Übung und ein kontinuierliches Update von Hard- und Software.